Feuerwehrmann Flury: «Wir sind wie eine Familie»
Der 32-jährige Beat Flury arbeitet bei Schutz und Rettung Bern als Berufsfeuerwehrmann. Im Interview verrät der gelernte Elektroinstallateur, was bei einem Alarm wirklich passiert und was ihn sein Beruf über Menschen gelehrt hat.
Was passiert bei einem Alarm bei Ihnen in der Feuerwehr in der Stadt Bern ganz konkret?
Es gibt ein akustisches Signal, und das Licht geht überall an. Wir lassen alles stehen und liegen, rutschen die Stange hinunter zu den Fahrzeugen, ziehen die Einsatzkleidung an und fahren los. Ziel ist, dass wir innert 120 Sekunden ausrücken.
Heisst das, Sie haben den ganzen Tag einen hohen Puls?
(lacht) Nein, ich habe mich gut daran gewöhnt. Aber das ist sicher Typsache und unterschiedlich. Wir arbeiten in Schichten von 24 Stunden. In dieser Zeit sind wir vor Ort auf der Wache. Ich erledige währenddessen meine zugeteilten Aufgaben im Bereich Wartung, in der Werkstatt usw., treibe Sport und gehe nachts auch schlafen. Aber klar ist: Wenn der Alarm losgeht, wechselt der Modus, und ich bin hoch fokussiert und bereit für den Einsatz.
Ist Feuer der häufigste Einsatzgrund oder doch die Katze auf dem Baum?
Weder noch. In nur rund 10 Prozent der Fälle rücken wir wegen Feuer aus. Viel häufiger sind Einsätze bei Unwetterschäden, zum Einfangen von Insekten wie Bienen oder Wespen, Türöffnungen oder Hilfeleistungen bei schweren Verkehrsunfällen. 2025 hatten wir rund 2800 Einsätze, davon lediglich 319 wegen Bränden.
Haben sich die Auslöser und die Art der Feuer in den letzten Jahren verändert?
Die Brandursache ist für mich als Feuerwehrmann nicht zentral, sofern sie nicht sicherheitsrelevant ist, etwa weil giftige Gase austreten. Die Brandursachenermittlung ist Sache der Polizei im Kanton Bern. Was mir persönlich aber auffällt: Brände durch billige Akkus in Spielzeug oder Elektroscootern häufen sich.
Welche Einsätze sind für Sie besonders anspruchsvoll, technisch, körperlich oder psychisch?
Brandeinsätze sind körperlich schnell eine Challenge, allein schon wegen der Hitze und des Gewichts der Ausrüstung. Technisch anspruchsvoll sind Öl- oder ABC-Einsätze, also atomare, biologische oder chemische Einsätze. Kürzlich hatten wir in Bern einen Ammoniakaustritt, da braucht es solides Hintergrundwissen im Umgang mit diesem Stoff. Personen- und Tierrettungen oder Unfälle können emotional werden. Welche Einsätze psychisch anspruchsvoll sind, weiss man vorher nicht. Das ist bei jedem anders und hängt von den eigenen Triggerpunkten und der Gesamtenergie ab. Mir hilft der Austausch mit den Kollegen auf jeden Fall sehr.
Wie häufig kommen Fehlalarme vor?
Meinen Sie Personen, die anrufen und etwas Falsches melden? Oder eine Anlage, die fälschlicherweise einen Alarm auslöst?
Wir dachten beispielsweise an heimliche Raucher auf der Toilette.
Da sprechen wir von einer Täuschung der Brandmeldeanlage. Das ist für uns kein Fehlalarm, denn die Anlage hat alles richtig gemacht und einen Alarmierungsgrunderkannt. Und ja, das gibt es sehr häufig. Im letzten Jahr hatten wir 766 Einsätze im Zusammenhang mit Brandmeldeanlagen. Ein Grossteil davon waren Alarme ohne Intervention.
Ist das frustrierend?
Überhaupt nicht, das gehört zu unserem Beruf. Wenn wir ausrücken, sind wir auf alles vorbereitet und halten uns an die Einsatzregeln. Treffen wir nicht das schlimmstmögliche Ereignis an, sind wir erleichtert.
Was war Ihr bisher ungewöhnlichster, lustigster, bewegendster oder skurrilster Einsatz?
Da gibt es viele. Einer der schönsten war sicher bei einer Türöffnung. Angehörige und Nachbarn machten sich um eine ältere Person Sorgen, und wir erhielten den Einsatzauftrag von der Polizei. Als wir in die Wohnung kamen, war eine 92-jährige Frau friedlich am Kochen. Sie hatte einfach vergessen, ihr Handy einzuschalten. Da war die Erleichterung natürlich gross.
Wenn Sie uns nur einen einzigen Rat mitgeben dürften, der im Ernstfall bei einem Brand wirklich etwas bringt: Welcher wäre das?
Wenn es wirklich akut ist: Raum sofort verlassen, und die Feuerwehr über die Notrufnummer 118 alarmieren. Da sind Profis am Telefon, die helfen und beraten. Also lieber einmal zu viel als zu wenig anrufen. Und klar: Wenn ein kleines Ästchen am Adventskranz brennt, würde ich auch selbst versuchen, es zu löschen. Aber schon nur wenn Plastik involviert ist, wird es unberechenbar. Und ganz wichtig: Auch wenn Sie den Brand selbst löschen konnten, und sei es nur eine Pfanne, die sich entzündet hat, rufen Sie danach die Feuerwehr an. Wir kommen mit der Wärmebildkamera vorbei und prüfen, ob es nicht doch noch im Dampfabzug oder anderswo eine Wärmequelle gibt. Und als praktischer Tipp ist die Anschaffung eines Brandmelders und einer Löschdecke für Zuhause sicher eine gute Investition, ebenso der Besuch eines Feuerlöschkurses.
Was hat Ihnen dieser Beruf über Menschen beigebracht?
Die Reaktionen von Menschen im Notfall sind völlig unterschiedlich und nicht vorhersehbar.
Was ist für Sie das Schönste an Ihrem Beruf?
Ganz klar die gelebte Hilfsbereitschaft und der Zusammenhalt im Team. Wir sind auf der Wache wie eine zweite Familie. Und wir sind in einer wunderschönen Stadt dafür verantwortlich, dass es den Menschen, Tieren und der Umwelt gut geht, und kümmern uns darum, wenn es nicht so ist. Das ist eine grosse und schöne Aufgabe, die mich erfüllt.



